Dienstag ist Waschtag

Frauentreff im Dschungel

„Natürlich nicht immer nur Dienstags“, grinst mich die Frau an, „aber ein Mal die Woche müssen wir Wäsche waschen.“

Wir befinden uns in einem kleinen Dorf im Amazonas. Von dem einzigen Flughafen in der weiteren Umgebung, bin ich zwei Stunden mit dem Sammeltaxi zum  letzten Dorf mit einer Straße gefahren. Dort nah ich ein Boot und fuhr 2 Stunden Fluss aufwärts in den Dschungel. (Siehe Reisen ohne Straßen und Ein Hu geht durch das Dorf).

In der Mittagshitze ist das Dorf wie leergefegt. Aber dort an dem Fluss, geschützt von den Bäumen, gruppieren sich die Frauen. Alle auf einmal. Also ist doch Dienstags Waschtag? Oder warum sind alle gleichzeitig da? Zufall? Ist wahrscheinlich lustiger zusammen!

Die Wäsche liegt auf den Steinen und zwischen den Beinen steht der Zuber mit der Seife. Die Bürste fliegt über die Dreckwäsche, als hätte sie es verdient.
5 Frauen nah bei einander, jede sitzt auf ihrem Stein und weiße Seifenschlieren schlängeln sich in der Strömung, um von der nächsten Frau, ein paar Meter Fluss abwärts, getrunken zu werden.

 

Weitere Geschichten über Traditionen

Dashain

Die Krönung eines Sultans

 

Gelbe Unterwäsche

Cusco ist in Peru bekannt für seine Silvesterfeier auf dem Hauptplatz. Das must have für Mitternacht ist ein Kleidungsstück oder ein Gegenstand in Gelb zu tragen. Am Bestern gelbe Unterwäsche. Schon Tage vorher kann gelbe Unterwäsche in Massen auf dem Markt gekauft werden, denn Gelb heißt, dass man im folgenden Jahr Glück haben wird. Und die Möglichkeit auf Glück lässt niemand ungenutzt verstreichen. Deswegen wabbert das Meer aus Menschen auf dem Platz in einem leuchtenden Gelb. Wer wirklich sicher gehen will, rennt Punkt Mitternacht drei Mal um den Platz, begleitet von einem Feuerwerk und feiernden Menschen.

Wer schon genug Glück hat, kann sich auf grüne Unterwäsche für Geld, Rote für Liebe oder blaue für Arbeit beschränken.

Aber Gelb deckt einfach alles ab und ist somit am beliebtesten.

    

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Ein Hu geht durch das Dorf

 

Gib mir ein A

Wie funktioniert Wahlpropaganda?

Alle paar hundert Meter tauchen zwei A´s in einem Kreis auf und dazwischen die Buchstaben „cun“. In diesem Abschnitt des kilometerlangen Tales kann man nur Steigungen und karge Wiesen erblicken. Immer wieder taucht ein oder eine Ansammlung von Häusern auf und auf jeder gefühlt 10ten Mauer stehen diese Buchstaben in blauer und roter Farbe.

Sofort muss ich an Werbung denken. Ist das ein Markenname? Vielleicht Waschmittelwerbung? Warum gibt es dann nicht Werbeplakate wie bei uns?

 

Mit meiner Annahme, dass es sich um Werbung handelt, war ich nicht ganz verkehrt. Doch anstelle von Waschmittel handelt es sich um den Namen eines Spitzenkandidaten. Die 2m hohen Buchstaben sind Wahlwerbung von 2016. Der damalige Präsidentenanwärter Acuna hatte in ganz Peru Privatpersonen für die Rechte bezahlt, ihre Hauswände als Werbefläche zu nutzen. Eine sehr wetterfeste und nachhaltige Variante, bei der die Werbung noch Jahre später sichtbar ist, obwohl der Kandidat nicht mal gewonnen hat.

 

Heiliges Tal bei Cusco/ Peru

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Weitere Berichte zum Thema Politik

Hitzige Diskussionen beim Abendessen

 

Wenn die Erde bebt

Erdbeben in Peru

Ein grünes S in den öffentlichen Gebäuden und eine Verkehrsschranke an der Straße runter zum Meer, sind das erste was mir auffällt, als ich in Lima unterwegs bin. Unter dem S steht „Sicherheitszone im Fall eines Erdbebens“. Und auf den Schranken: „Geschlossen im Fall eines Tsunamis“.

Sofort werde ich neugierig und greife mir den nächsten Peruaner, der mir über den Weg läuft. Für was sind die Schilder? Gibt es viele Erdbeben in Peru? Wie schützen sich die Leute?

In ruhigen Ton und mit einer Selbstverständlichkeit erklärt er mir, was für ihn Alltag ist:

Erdbeben sind in Peru allgegenwärtig. Jeden Monat ist mit einem zu rechnen. Nicht jedes ist so schlimm wie das letzte Große von 2007 wo über 500 Menschen starben, aber die Gefahr gehört zu Alltag.

Deswegen lernen schon die Kinder in der Schule was zu tun ist bei einem Erdbeben:

  1. Als erstes die Tür aufreißen, damit sie nicht verkeilt und der Rettungsweg später frei ist.
  2. Wenn der Weg zur Flucht nach draußen zu weit ist, neben eine stabile Wand kauern (am besten dort wo ein S die Stelle markiert). Umfallende Bauteile können durch die Wand aufgehalten werden und bilden einen Hohlraum, in dem man überleben kann.
  3. Ein Sicherheitsrucksack sollte in der Wohnung und am Arbeitsplatz aufbewahrt werden. Gefüllt mit überlebenswichtigen Dingen, falls man im Gebäude eingeschlossen ist.
  4. Wenn man es vorher noch raus schafft, sind Versammlungsbereiche markiert. Dort ist man sicher vor herabfallenden Teilen.
  5. Einmal im Jahr finden Sicherheitsübungen in den Gemeinden und Städten statt, damit jeder für den Ernstfall vorbereitet ist.
  6. Auch die Küsten werden gesperrt, falls nach dem Erdbeben das Risiko eines Tsunamis besteht. Ganz eindeutig ist zu sehen, dass die Schranken bei einer Tsunamiwarnung schließen, damit niemand in den Gefahrenbereich fahren kann.

Erdbeben in der Historie

Aber wieso betreiben die Peruaner so viel Aufwand? Ich hatte noch nie eine Erdbebenübung in der Schule!

Wenn man sich die Geschichte des Landes anschaut und die Erdbebenhäufigkeit mit unserer vergleicht, erkennt man schnell wo der kleine Unterschied liegt:

Fast jedes Jahr werden mehrere Erbeben gemessen, die Magnitude größer als 4,5 haben. Oft kommen die Erdbeben im Süden von Peru vor und auch oft in Gegenden wo keine Bebauung ist und Menschen leben. Dann kann es sich um ein starkes Erdbeben handeln, aber es kommen keine Personen zu schaden. Schlimm wird es nur, wenn es sich in bebauten Gegenden abspielt und in Küstennähe, denn dann kommt zu dem Beben noch die Tsunamigefahr hinzu.

Hier einige Beispiele aus den letzten Jahren:

August 2007: Stärke 8,0 in der Nähe von Lima mit Tsunamirisiko und -warnung

August 2014: Stärke 6,9 in Südperu ohne Tsunamirisiko

Januar 2018: Stärke 7,1 in Südperu mit Tsunamirisiko und –warnung

 

Liste der Erdbeben seit 1950 in Peru: https://www.laenderdaten.info/Amerika/Peru/erdbeben.php

 

Geologie von Peru

Die Anden verraten schon, dass besondere geologische Bedingungen in Peru herrschen. Denn die Anden sind entstanden, weil sich die Nazca-Platte unter die südamerikanische Kontinentalplatte schiebt (Subduktionszone). Das passiert im Zentimeterbereich pro Jahr, so dass wir es nicht mit bekommen. Die Erdbeben entstehen dann, wenn sich die Platten in einander verhakt haben und durch einen Ruck die Spannungen entladen.

Mehr zu Plattenverschiebung der Erde: https://www.zamg.ac.at/cms/de/klima/informationsportal-klimawandel/klimasystem/geosphaeren/lithosphaere

 

Wie ist es in Deutschland?

Erdbeben in Deutschland kann ich mich nur an eins erinnern: Im Frühling 1992.

Mitten in der Nacht sind wir wach geworden, weil das Haus kräftig am schwanken war. Die Gläser klirrten, aber es viel nichts um oder zerbrach. Das Beben ging nicht lange – wir hatten nicht einmal Zeit die Frage „Was ist das?“ mit einem „Das ist ein Erdbeben!“, sondern nur mit „Das war ein Erdbeben!“ zu beantworten.

Wenn ich mir die Liste mit Erdbeben anschaue, die in Deutschland registriert wurden, sehe ich, dass Mal im Jahr 3 bis 4 anfallen, aber dann auch wieder 4 Jahre nichts. Seit 1911 kein Erdbeben über der Magnitude 6,0. Ich kann mich nur an das eine Erdbeben erinnern mit der Stärke 5,9.

Das liegt daran, dass Deutschland nicht in der Nähe von einer Subduktionszone liegt. Von Italien hört man immer wieder etwas in den Nachrichten, weil dort die afrikanische Platte unter die Eurasische Platte driftet.

Anhand der Erdbebenvorkommnisse aus der Vergangenheit werden Erdbebenzonen in Deutschland ermittelt, die zum Beispiel wichtig sind, wenn die Statik eines Gebäudes berechnet wird. Umso höher die Einstufung in der Erdbebenzone, umso mehr konstruktive Maßnahmen müssen ergriffen werden, um das Bauwerk im Falle eines Erdbebens nicht zum Einstürzen zu bringen. Wenn man sich die Erdbebenzonen für Deutschland ansieht, erkennt man, dass wir im größten Teil keine Erdbeben zu berücksichtigen haben. Das heißt jetzt nicht, dass die Gebäude einstürzen würden, falls ein Erdbeben kommt. Aber daran sieht man, dass in Deutschland nur in einigen Gebieten Erdbeben vorkommen und das mit einer geringen Stärke, so dass Gebäude nicht einstürzen werden.

Mehr zu Erdbeben in Deutschland: https://de.wikipedia.org/wiki/Erdbebenzone

 

In ganz Peru

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Weitere Geschichten zu Peru

Wenn die Sonne an Weihnachten untergeht

Reisen ohne Straßen

Hitzige Diskussionen beim Abendessen

Korruption in Peru

Ich sitze mit meiner peruanischen Freundin und deren Mutter beim Abendessen und plötzlich wandelt sich die Stimmung des Gespräches, weil sie auf die Politik zu sprechen kommt.

Im Sommer 2017 wurde dem amtierenden Präsident Kuczynski vorgeworfen, in korrupten Geschäften mit einem brasilianischen Bauunternehmen verwickelt zu sein. Daraufhin gab es im Dezember 2017 eine Abstimmung zur Amtsenthebung im Parlament, doch die nötige 2/3 Mehrheit kam nicht zu Stande und er blieb im Amt.

Es gab Gerüchte, dass wenn der Präsident abgesetzt wird, sämtliche Unternehmen Peru verlassen würden, weil sie mit dem Präsidenten verbunden sind. Deswegen waren meine Freundin und auch anderen Leute, mit denen ich darüber gesprochen habe, froh, dass es nicht zur Amtsenthebung kam. Mehrere Gründe sprachen dafür:

1) Es gab keinen Alternativkandidaten, falls es zu Neuwahlen kommen würde.

2) Arbeitsplätze gehen verloren, weil die Unternehmen Peru verlassen.

3) Und kann zu Unruhen im Land kommen, wenn der Präsident enthoben wird.

4) Peru würde ein schlechtes Bild in der Welt abgeben, wie viele andere südamerikanische Länder wie Argentinien oder Venezuela zu der gleichen Zeit.

Ein Thema, das immer wieder in Peru aufflammt: beim Abendessen, im Sammeltaxi oder auf der Straße.

Der Präsident bleibt im Amt trotz Korruptionsvorwürfen

Kaum hatten sich die Gemüter beruhigt, feuerte die nächste Aktion des Präsidenten die Stimmung an. Und er wählte für seine Handlung den Weihnachtstag, an dem Familien gemütlich zu Hause sitzen und sich nicht mit Politik beschäftigen wollen.

Um zu erklären was an dem Weihnachtstag 2017 durch die Presse ging, muss ich etwas weiter ausholen:

Der peruanische Präsident Fujimori, der von 1990 bis 2000 regierte, floh 2000 nach Japan. Ihm wurde ein diktatorischer Regierungsstiel, Korruption und Menschrechtsverletzung vorgeworfen. Obwohl er inzwischen die japanische Staatsbürgerschaft angenommen hatte, wurde er 2007 an Peru ausgeliefert. Er wurde zu 25 Jahren Haft verurteilt. Seine Haft lief, laut meiner Freundin, eher angenehm. Nämlich in einem Militärlager mit eigenem Häuschen und Garten, wo er mit seiner Familie lebte. An Weihnachten 2017 wurde er nach nur 10 Jahren von dem aktuellen Präsidenten Kuczynski begnadet. Und nach einem kurzen Krankenhausaufenthalt bis zum 04.01.2018 wegen seiner Gesundheit frei gelassen.

Die Regierung behandelt Politiker bevorzugt

Ein weiteres Beispiel für Korruption gab mir meine Freundin, die in einem Hotel gearbeitet hat. Sie hat sich dort auf eine bessere Stelle beworben. Doch die Stelle bekam nicht sie, sondern ein Verwandter des Managements, der nicht das nötige Studium dazu hatte und noch nie in dem Bereich gearbeitet hat. In den Augen meiner Freundin Vetternwirtschaft.

Vetternwirtschaft

Peru liegt auf dem Korruptionsindex auf Platz 101 von 176. Das heißt, dass die gefühlte Wahrnehmung von Korruption im Alltag sehr hoch ist. Im Vergleich stand Deutschland in 2017 auf Platz 10.

Korruptionsindex auf Platz 101

Link zu den Nachrichten zu Fujimori: https://www.tagesschau.de/thema/peru/index.html

Link zum Korruptionsindex 2017: http://www.laenderdaten.de/indizes/cpi.aspx

 

In der Hauptstadt Lima und in ganz Peru

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Was taten die Peruaner an Weihnachten?

Wenn die Sonne an Weihnachten untergeht

Ich will in Deutschland arbeiten

Welche Hoffnungen durch den deutschen Fußball geweckt werden

Leise klirrt der Eiswürfel meines Pisco Sours an dem Rand des Glases. Neben dem Zirpen und Rascheln, das aus dem Bäumen zu mir dringt, das einzige Geräusch. Einer der Angestellten der Dschungellodge drehen gerade die Lampen auf der Veranda an, als die Sonne langsam über dem breiten Fluss vor mir unter geht. Ein Schatten bleibt neben meiner Hängematte stehen.

„Darf ich sie stören?“, höre ich eine schüchterne Stimme auf Spanisch. Ich drehe mich zur Seite und entdecke einen der Angestellten, die an der Bar arbeiten.

„Ja“, lächel ich ihn an, um ihm etwas Mut zu machen.

„Sie sind aus Deutschland? Oder?“

„Genau“

Ich setze mich auf und lasse meine Beine über eine Seite der Hängematte baumeln, um ihn besser sehen zu können.

„Ich mag Deutschland“, schiebt er mit einem breiten Grinsen nach. Doch mir ist immer noch nicht klar worauf er hinaus will. Nur ein, „Aha“, fällt mir darauf ein.

„Ich mag deutschen Fußball!“

Deutscher Fußball bekannt im kleinem Amazonasdorf

„Ja? Stimmt wir haben gute Fußballteams in Deutschland.“

Sein Gesicht hellt sich auf, weil unser Gespräch so gut in Schwung kommt und ich verstanden habe, um welches Thema es geht. „Welche Mannschaft mögen sie am liebsten?“

„Ähm“, komme ich ins Stocken, „ich kenne mich ehrlich gesagt nicht aus mit Fußball.“ Ich trinke verlegen an meinem Pisco Sour, der seinem Namen Ehre macht, und unterdrücke eine Zitronenkrimasse.

„Ich aber“, strahlen mich weiße Zähne in der Dämmerung an, „Bayern München, Borussia Mönchengladbach, Schalke 04, Borussia Dortmund, Vfl Wolfsburg, ….“

Erwartungsvoll bleiben seine Worte in der Luft hängen. Ich bin dran etwas zu sagen.

„Ähm, ja. Von den Vereinen habe ich gehört.“

Die Aussage scheint ihm auszureichen, um sein wahres Anliegen auszusprechen, weswegen er mich angesprochen hat: „Ich liebe Deutschland! Ich liebe den deutschen Fußball! Deutschland ist Weltmeister! Deutschland muss ein tolles Land sein, mit diesem großartigen Fußball. Deswegen will ich nach Deutschland und dort arbeiten.“

Stille. Ein eindringlicher Blick lastet auf mir und ich nehme noch einen Schluck aus meinem Glas. Zum Glück schmelzen die Eiswürfel bei der Schwüle und verdünnen den Pisco Sour.

„Wo kann ich in Deutschland arbeiten? Was für Jobs gibt es bei euch?“

„Bei uns kann man alles arbeiten. Was kannst du? Was arbeitest du?“

„Ich bin Kellner. Aber ich kann auch alles andere machen. Ich bin stark.“

Als wären wir bei einem Bewerbungsgespräch für eine Bodybilderkarriere, lässt er die Muskeln seiner drahtigen Ärmchen spielen.

„Kannst du mir einen Job besorgen?“

Nach Deutschland nur wegen dem Fußball

Langsam gefällt es mir nicht mehr, in welche Richtung dieses Gespräch abrutscht. „Es ist nicht so einfach einen Job zu bekommen. Du brauchst erstmal eine Ausbildung, die wir in Deutschland anerkennen und wo wir Bedarf an Personal haben. Zum Beispiel Altenpfleger oder Ingenieure ….“

„Was kostet ein Flug nach Deutschland?“, unterbricht er mich.

Jetzt werde ich nervös. Was soll ich ihm darauf antworten? Sage ich die wahren Kosten, denkt er ich muss Millionär sein. Sage ich ihm eine niedrigere Summe versucht er das Geld anzusparen und ohne Job und Visum nach Europa zu kommen, wo sie ihn sofort wieder zurück schicken. Also am besten am unteren Rand der Wahrheit.

„Die Kosten sind schon hoch genug und unerreichbar für ihn, 600 Euro also etwa 2500 Sol für einen Weg. Und du musst vorher erst aus dem Amazonas nach Porto Maldonando. Von dort nach Cusco. Und dann nach Lima. Das kostet noch mal extra.“

Große Augen starren mich an, „So teuer.“ Er verfällt ins Grübeln.

„Ich kann mir das Geld leihen!“, platzt es aus ihm heraus.

„Und dann?“, frage ich ihn, „sprichst du Deutsch?“

Er schüttelt mit dem Kopf.

„Sprichst du Englisch?“

Wieder schüttelt er seinen Kopf.

„Nur wenige Leute sprechen Spanisch in Deutschland. Du wirst dort keinen Job finden. Bleib lieber hier. Schau wie schön es im Dschungel ist. Ihr habt so viel mehr als wir: der Fluss, die Tiere, die Ruhe im Wald.“

Dieses Mal gefällt ihm nicht welche Richtung unser Gespräch angenommen hat, „Aber unser Fußball in Peru ist nicht so gut.“

„Doch“, versuche ich ihn aufzubauen, „ Peru ist seit 30 Jahren das erste Mal wieder 2018 bei der WM dabei. Also macht ihr doch guten Fußball.“

Peru bei der WM

Ein verlegenes Grinsen umspielt seine Lippen, aber ich sehe ihm an, dass ihm das nicht reicht.

„Möchten sie noch einen Pisco Sour?“

 

Amazonaslodge an der peruanischen Grenze zu Brasilien und Bolivien

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Weitere Geschichten über den Amazonas

Reisen ohne Straßen

Ein Hu geht durch das Dorf

 

 

Wenn die Sonne an Weihnachten untergeht

Weihnachten in Peru

Zuerst habe ich mit einem Weihnachten gerechnet wie bei mir zu Hause: Der Tag läuft ganz gemütlich ab! Man macht die letzten Besorgungen, packt das Geschenk für Oma ein, isst mit seiner Familie, geht in die Kirche und dann gibt es die Bescherung. So beschaulich lief auch in Tarapoto der Tag ab – bis die Sonne unter ging.

Als sich der Tag dem Ende zuneigte, dachte ich, ich würde den Abend damit verbringen in meinem Hotelzimmer fernzusehen und früh schlafen zu gehen, wenn die Straßen ruhiger werden und die Peruaner mit ihren Familien zu Hause in bekanntem Kreis feiern. Doch die Straße vor meinem Hotel wurde nicht ruhig, sondern immer geschäftiger und von irgendwo töte Musik. Neugierde packte mich mich und magisch zog es mich aus dem Hotel auf die Straße.

Die Stadt pulsierte

Ich folgte den Menschen und der Musik die Straße hinab zum zentralen Platz de Armas. Dort waren keine besinnlichen Kerzen aufgestellt oder kleine Gruppen, die nach dem Gottesdienst einen Glühwein tranken, sondern im Zentrum des Platzes thronte ein riesiger Weihnachtsbaum aus Plastik, umrahmt von Buden und blinkenden Lichtern und tausende Familien, die sich dort versammelt hatten.

Motorräder mit Anhänger, die mittags noch als Taxi beschäftigt waren, waren nun als Santa Claus´ Renntierwagen mit bunten Lichtern, geschmückt.  Gleich in drei Versionen fuhr sie an mir vorbei und starteten eine weitere Tour um den Platz mit ihren Passagieren, die in einer langen Schlage auf ihre Runde warteten. Auch beim Kinderschminken gab es eine lange Schlange und um die Ballonkünstler bildete sich eine dreireihige Traube. Musik erklang und eine Frau in rotem Glitzerkostüm und Lametta im Haar grölte Kinderweihnachtslieder in eine übersteuerte Anlage und ihre 4 verkleideten Weihnachtswichtel tanzen und hüpfen, sodass die Bühne einzustürzen drohte.

Motorräder als Rentierwagen verkleidet

Ab 22 Uhr wird es wieder ruhig auf dem Platz, weil die Familien nach Hause gehen, um gemeinsam zu essen. Auch ich musste den Weihnachtsabend nicht alleine verbringen. Da ich der einzige Gast im Hotel war, wurde ich von der Familie, der das Hotel gehört, eingeladen mit ihnen zu essen. Freunde, Familie (der Sohn extra aus Lima angereist) und ein selbstgemachtes Buffet.

Um Mitternacht schlagen Kinderherzen höher, wenn es endlich Geschenke gibt und ein Feuerwerk die Stadt erhellt, als wäre es Silvester. Noch lange gehen die Feiern und die Diskos füllen sich mit den jungen Leuten.

Feiern bis in die Morgenstunden

Erst am nächsten Tag ist die Party vorbei, wenn alle Familien den freien Tag nutzen und einen Ausflug an den Fluss machen, um die Stadt leer zurück zu lassen.

 

In der Stadt Tarapoto im Norden von Peru

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Reisen ohne Straßen

 

Ein Hu geht durch das Dorf

 

Reisen ohne Straßen

Fortbewegungsmittel im Amazonas-Dschungel

Wie bewegt man sich am besten durch den Dschungel, wenn es keine Straßen gibt? Also sagen wir, es gibt eine Straße. Aber die führt nur bis zu dem Dorf mit den 5000 Einwohnern und dann hört sie auf. Das heißt, die Dörfer, die dahinter liegen erreicht man im Amazonas nur zu Fuß oder über den Fluss.

Ich habe beide Varianten ausprobiert und die eine ist so Anstrengend wie die andere Abenteuerlich ist.

Reisen zu Fuß

Auf meinem Weg von Chazuta zu einem Wasserfall im tiefen Dschungel bin ich einem Bauernpärchen begegnet. Jedes Wochenende laufen sie in die Stadt, um dort ihren angebauten Kakao und Bananen zu verkaufen. Nur dort haben sie auch die Möglichkeit ein paar Extras für sich einzukaufen oder zu telefonieren, weil nur dort ein Funkmast steht. Auf jeden Fall dauert ihr Weg etwa 2,5 Stunden bergauf und bergab über einen immer schmaler werdenden Weg bis zu ihrer versteckten Farm zwischen dem Dschungel und ihren Kakao- und Bananenbäumen. Für das letzte Stück haben sie eine Machete dabei, falls der Weg zugewachsen ist. Stolz stand der Bauer vor mir, als er mir den Ort zeigte, wo bald eine Straße entstehen soll. Direkt durch sein Land hindurch an seinem Haus vorbei, „Bald können wir mit dem Auto den Kakao in die Stadt bringen.“

Reisen auf dem Fluss

Die Reise über den Fluss lief folgendermaßen ab: Ich ging zum Ufer von Chazuta (was dort als Hafen bezeichnet wird) und quatsche jede Person an, ob sie vielleicht zum nächsten Dorf fährt. Die meisten winken ab, einer vertröstet mich auf später und der nächste versteht mich nicht. Also setzte ich mich in den Sand und warte. Etwa eine halbe Stunde später kommt ein Mann auf mich zu und meint, er fährt dort hin wo ich hin möchte. Ich steige in das schmale Holzboot mit 10 anderen Leuten, zahle ihm umgerechnet 90 Cent und wir fahren eine Stunde Flussabwärts bis eine freie Stelle im Dickicht auf ein Dorf schließen lässt.
Für den Rückweg stelle ich mich wieder ans Ufer und warte 1 – 2 Stunden bis ein Boot vorbei kommt und mich für den gleichen Preis, aber für die doppelte Zeit (weil wir jetzt gegen den Strom fahren müssen), nach Chazuta zurück bringt.

Fazit

Alle Wege dauern hier etwas länger. Mal schnell von einem Dorf zum anderen geht nur, wenn man selbst ein Boot hat oder die Straße direkt vor der Haustür liegt. Kein Wunder warum hier die Zeit langsamer läuft. Man weiß eben nicht wann man irgendwo ist, weil vielleicht ein Baum den Weg versperrt oder kein Boot kommt.

 

 

In der Nähe von dem Dorf Chazuta im peruanischen Amazonas

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Mehr über Chazuta und seine Umgebung

Ein Hu geht durch das Dorf

Ein Hu geht durch das Dorf

Träge schaute Mayumi von ihrem Schaukelstuhl auf  und ließ den Blick über den leergefegten Platz bis hin zu den Baumwipfeln des Dschungels gleiten, der das Dorf mit seinen kleinen zusammengenagelten Holzhütten abgrenzte, als ein Windhauch die Schwüle der Mittagshitze linderte. Die Wäsche hatte Mayumi bereits am Morgen erlegt. Später würde sie noch die Kakaobohnen, die auf einem Tuch in der Sonne trockneten, mit dem neuen Rechen aus Chazuta wenden. Doch bis dahin war noch Zeit und müde fielen ihr die Augen zu, als sie über den Kopf ihrer Tochter, die auf ihrem Schoß eingeschlafen war, streichelte. In der Ferne vernahm sie, wie ein knatternder Motor unten am Fluss erstarb. Kein ungewöhnliches Geräusch an einem Ort, der nur mit dem Boot zu erreichen ist. Doch der Ruf eines Mannes ließ ihre Tochter aufschrecken. „Huuu“, wiederholte sich der Ruf, der etwas lauter wurde. Es gab kein Halten mehr. Auch Mayumi war plötzlich hellwach und rannte, so schnell es ihre Schlappen zuließen, hinter ihrer Tochter her, die Böschung zum Fluss hinunter. Der Mann hatte aufgehört „huuu“ zu rufen, denn auch andere Leute aus dem Dorf waren seinem Ruf gefolgt und scharrten sich um ihn.

Der erste Kontakt, wenn man niemanden kennt

Am Fluss Huallaga braucht man nicht für alles einen Termin oder Plan oder Wegbeschreibung. Es reicht, wenn man mit einem Boot ankommt und mit dem „Huu“-Ruf den Bewohnern mitteilt, dass man Hilfe braucht. Zum Beispiel wenn man das erste Mal in ein Dorf kommt und den Bürgermeister nicht kennt. Dann bringen einen die Leute, die angelaufen sind, zu ihm.

Ich bin mit einer Freundin in ein Dorf gefahren, weil wir gehört hatten, dass man dort reiten kann. Die Böschung hoch, ungefähr die Richtung zum Dorfplatz eingeschlagen und immer wieder „Huu“ gerufen. Nach wenigen Minuten waren 4 Dorfbewohner da, die die Köpfe zusammen steckten, als sie unsere Frage hörten. Dann wird genickt und aus eines der Gärten hinter den Holzhäusern ein Pferd aufgetrieben. Wir waren die Attraktion für die nächste Stunde, als wir auf dem armen Tier thronten. Nach dem Reiten noch ein Ausflug zum Schwimmtümpel und eine Eskorte zurück zum Fluss, wo wir nach dem nächsten „Huuu“ ein Boot für die Rückfahrt bekommen haben.

In der Nähe von Chazuta in Peru

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